Anders sein: Wie du dir und deiner Firma damit nützt

Mainstream ist der Weg in die Sackgasse: Warum du gerade als junge Nachwuchsführungskraft anders sein darfst – und solltest – und warum die Natur hierfür ein gutes Beispiel ist, zeigt die Verhaltensbiologin und Buchautorin Barbara Niedner in ihrem Gastbeitrag.

Sobald du anders bist und eine andere Meinung vertrittst als der Rest, bist du in der Minderheit. Es ist bekanntlich nicht leicht, aus dieser Position heraus die eigene Meinung gegenüber der Mehrheit zu vertreten. Erst recht, wenn du jung oder noch nicht lange im Unternehmen tätig bist.

Eins ist klar: Einfach mitzulaufen und sich der Mehrheit zu beugen, ist weniger stressig. Doch leider ist das der Weg, der in die Sackgasse führt.

Als Verhaltensbiologin zeige ich Unternehmen, was sie von der Natur lernen können. Ein Erfolgsrezept der Natur ist schon seit Millionen von Jahren die Vielfalt. Nur, wer sich vielfältig aufstellt, ist wirklich agil. Und das ist, was Firmen heutzutage anstreben. Vielfältig anders zu sein, krempelt alles um. Auch dein ganz persönliches Gefühl. Es öffnet neue Wege (für alle) ‒ und es macht wirklich agil. Dafür musst du wagen, auch mal gegen den Strom zu schwimmen.

Wenn da nicht die Angst wäre …

Angst, nicht mehr dazuzugehören: Gerade, wenn du noch nicht lange in einer Firma oder Abteilung bist, möchtest du natürlich dazugehören. Da ist es ganz normal, Angst davor zu haben, den Anschluss an die Gruppe zu verlieren. Passe ich da überhaupt rein?

→ Ja, wenn eine Person neu oder anders ist als gewohnt, fällt das erst mal auf ‒ je reglementierter und eingefahrener das Umfeld ist, desto stärker. Doch gerade am Anfang deiner Karriere kannst du in kleinen, gut verträglichen Schritten loslegen. So behältst du den Anschluss.

Angst vor Angriff: Wer Flagge zeigt, fällt auf ‒ und bekommt schon mal Gegenwind. Wir stellen für andere Gewohntes (Sicheres) infrage. Das kann bedrohlich wirken. Auch wenn es dem Unternehmen nützt, werden Einzelne ihr Revier erst mal reflexartig verteidigen. Und ja, auch das Altersgefälle und der vermeintliche Expertenstatus kraft Betriebszugehörigkeit spielt mitunter eine Rolle.

→ Wer sich traut, den Mund aufzumachen, bringt andere Erfahrungen und Perspektiven ins Spiel. Darum ist es auch kein Problem, standzuhalten. Wer mag, hat die Chance, aufzufallen und im Unternehmen bekannt zu werden.

Angst vorm Scheitern – im Extremfall das Karriereaus: Wir wollen erfolgreich sein und geschätzt werden. Durch das Anderssein stehe ich stärker allein im Fokus: im Guten wie im Schlechten.

→ Anderssein generiert nicht automatisch eine größere Fallhöhe, wie du gleich sehen wirst. Doch braucht es mehr Mut und Eigenverantwortung. Und das in einem für dich noch unsicheren Terrain.

Du wirst gleich staunen, wie praktisch du sofort loslegen kannst mit dem Anderssein! Und dass das nicht bedeutet, alles komplett umzukrempeln. Denn es geht nicht ums Anderssein „aus Prinzip“, sondern darum, nützliche Denk- und Verhaltensweisen fürs Agilsein zu etablieren. Das kannst du übrigens wunderbar im Privatleben üben.

Anders sein üben

Drei konkrete Anregungen, mit denen du ab heute immer öfter anders sein kannst:

  1. Fahre Deine Antennen weiter aus als bisher und finde Andockstellen zu anderen.
    Die oberste Devise ist Offenheit. Schalte verstärkt auf Empfang, was andere zu sagen haben ‒ bevor du etwas entgegensetzt. Wer offen ist und zuhört, versteht erst richtig. Eine wichtige Voraussetzung für Vielfalt ist deine Fähigkeit, Neues zu erfahren; die Beweggründe der anderen zu erforschen, ein Verständnis für ihre Denkweise zu entwickeln und dadurch Ihren und deinen Erfahrungs-, Know-how- und Handlungsschatz konsequent zu erweitern.
  2. Äußere mutig Deine Meinung – auch wenn du die einzige bist, die sich traut.
    Es kommt eine Anweisung, die du in der Form nicht praktikabel findest? Im Meeting beharrt irgendjemand auf einer Neuerung, die ganz gut ist, aber du hast eine noch bessere Idee? Raus damit! Du musst nicht immer gleich eine ausgefeilte Begründung oder gar Lösung parat haben. Mach einfach den Mund auf: Sag, wie du die Sache siehst. Frage nach ‒ wenn es sein muss, beharrlich. Stell Gewohntes, fest Eingefahrenes infrage. Hier steckt das Potential für Neues! Allerdings gilt zu beherzigen, dass der Ton die Musik macht. Abwerten, „klugscheißen“ oder hintenrum reden, kommt nie gut und schadet immer dem eigenen Image.
  3. Knick nicht gleich ein – Es ist eine Stärke, einen klaren Standpunkt zu vertreten!
    Eine wertvolle Eigenschaft für Führungskräfte im Unternehmen und Alphatieren in der Natur ist das Standhalten und das Aushalten der Blicke Anderer: Wer sich traut, anders zu sein, wird gefordert und bekommt Gegenwind. Doch sei dir bewusst: Die Fittesten machen Karriere! Trainier, nicht mehr reflexartig zu reagieren. Kein sofortiges Einknicken oder Zurückrudern. Bei Gegenangriff nachhacken und den anderen ernst nehmen. So erfährst du viel mehr Substanz. Das bringt dich in die Lage, deine Sicht zu schildern und zu argumentieren. Damit gibst du anderen außerdem eine Chance, dich zu verstehen.

Du machst das eine oder andere eh schon? Wunderbar! Doch schau genauer hin:

  • Gibt es Leute, Situationen oder Inhalte, bei denen du dich nicht traust? Klar ist das herausfordernder als junger Mensch gegenüber Ranghöheren und Experten.
  • Wie kannst du dein Vorgehen variieren und dich ausprobieren?

Du willst mehr darüber erfahren, was wir in Sachen Agilität von der Natur lernen können? Dann empfehle ich dir einen Blick in mein neues Buch, „Agil ohne Planung“.

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Barbara Niedner

Barbara Niedner

Dr. rer. nat. Barbara Niedner verknüpft Verhaltensbiologie mit Business-Strategien: Als Führungskräftetrainerin und Keynote Speakerin zeigt sie namhaften Unternehmen, welche Prinzipien die Natur wirklich agil machen – und was sich daraus für Führung, Innovationen und die digitale Transformation lernen lässt. Sie lebt in München und ist Autorin von „Agil ohne Planung: Wie Unternehmen von der Natur lernen können“, erschienen im Haufe Verlag.

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