Zweiter Bildungsweg: Ein Hoch auf dich!

Als Erwachsener nochmal die Schulbank drücken? Unser Gastautor Samuel Kuhn hat sich auf das Abenteuer zweiter Bildungsweg eingelassen. Und stellt fest: Für ihn war es die perfekte Lösung. Warum, das könnt ihr in seinem Beitrag nachlesen.

Ich bin 26 Jahre alt und fange nächste Woche einen neuen Job an. Es ist mein dritter »richtiger« Job. Viele meiner Freunde, die sich auch in ihren Mittzwanzigern befinden, haben noch in keinem Beruf gearbeitet. Ich meine das jetzt nicht abwertend, es ist einfach eine Feststellung. Der Unterschied liegt meines Erachtens darin, dass wir verschiedene Wege eingeschlagen haben. Genauer gesagt unterscheiden sich unsere Bildungswege.

Bildungswege? Wikipedia unterscheidet in Deutschland insgesamt drei:

  • Erster Bildungsweg: Gymnasiale Oberstufe
  • Zweiter Bildungsweg: Schulen für Erwachsene
  • Dritter Bildungsweg: „zweckfreie“ Bildung, individuelle Vorbereitung

Diese Wege definieren drei Möglichkeiten, durch die die Qualifikation für ein Studium an einer Uni oder Hochschule erworben kann. Entweder ganz klassisch am Gymi, nachträglich als Erwachsener an einem Kolleg oder ganz ohne die entsprechende Schullaufbahn, also nur durch Berufserfahrung und abgeschlossene Ausbildung.

Mein Weg: Der Zweite! Der Weg meiner Freunde: Der Erste!

Ideal für mich: Zweiter Bildungsweg

Ich möchte an dieser Stelle eine Lanze für den zweiten Bildungsweg brechen. Er hat richtig gut zu mir gepasst. Ich weiß, dass man das nicht verallgemeinern und ich nur für mich sprechen kann. Aber das möchte ich mit diesen Zeilen kurz tun.

 

Von der Schule in die Sparkasse

In einer kleinen Grundschule startete meine schulische Laufbahn entspannt und ohne viel Druck. Ich war ein ganz normaler Schüler und kam gut zurecht, war aber nicht außergewöhnlich gut. Nach der vierten Klasse also die passende Empfehlung: Realschule. Übrigens wie der große Rest meiner Klasse, nur zwei meiner Freunde gingen auf das Gymnasium. Nach den zwei Orientierungsstufen dann eine erneute Empfehlung für mich: Gymi. Ich habe mich dagegen entschieden. Warum? Nun, weil alle meine Freunde auf der Realschule waren und ich wirklich keine Lust hatte, wieder von vorne anzufangen. Also habe ich die Realschule durchgezogen. In der neunten Klasse haben wir angefangen, Lebensläufe und Bewerbungsanschreiben zu verfassen. Als Vorbereitung auf einen möglichen Ausbildungsplatz und den Berufseinstieg. Ich hatte eigentlich vor, nach der zehnten Klasse aufs Wirtschaftsgymnasium zu wechseln und dort mein Abitur zu machen. Aber den schön formatieren Lebenslauf und das ausformulierte Anschreiben jetzt einfach nicht zu verwenden, fand ich irgendwie auch schade. Also habe ich mich testweise für einen Ausbildungsberuf beworben, den ich interessant fand: Bankkaufmann. 1x Sparkasse, 1x Volksbank. Die Sparkasse wollte mich haben, die Volksbank nicht. Mit der Zusage in der Tasche und der Aussicht mit meinen 16 Jahren monatlich 700€ zu verdienen, fiel mir die Entscheidung leicht: Ich mach‘ die Ausbildung.

Mit 16 voll berufstätig

Die 2,5 Jahre Ausbildung zum Bankkaufmann waren eine wertvolle Zeit. Ich habe viel gelernt und bereits in jungen Jahren gemerkt, was es bedeutet, zu arbeiten. Montags und Donnerstags hatte meine Bank von 09.00 – 18.00 Uhr auf. Ganz schön lange, wenn man vorher nur sechs Schulstunden gewöhnt war. Nach der Ausbildung bin ich zur Volksbank gewechselt, die mich dann haben wollte, weil eine Stelle frei war. Mein erster Job mit einem vierstelligen Gehalt. So nice! Allerdings hat mir die Arbeit auf die Dauer so wenig Spaß gemacht, dass ich mir nicht vorstellen konnte, in dem Job alt zu werden. Ich wollte irgendwie mehr. Zwar wusste ich nicht was, aber Bankkaufmann war dann nun doch nicht mein Traumberuf.

Ein Studium wäre schon schön …

Mein Wunsch: Studieren! Doch dazu fehlte mir das Abi. Und jetzt kommt der zweite Bildungsweg ins Spiel. In Rheinland-Pfalz kann man an Berufsoberschulen nach abgeschlossener Ausbildung in einem Jahr seine Fachhochschulreife erwerben (BOS 1), in zwei Jahren die allgemeine Hochschulreife (BOS 2). Ich habe die BOS 1 gemacht – Fachabi reichte mir. Ich kündigte meinen Job als Bankkaufmann bereits lange vor Schulbeginn und war deshalb sogar noch für 6 Monate im Ausland. Das obligatorische »Gap Year« habe ich also nicht nach meinem Abi, sondern davor gemacht. Geht auch!

Optimal für mich: das duale Bildungssystem

Noch während meiner Zeit an der BOS informierte ich mich über mögliche Studiengänge. Eigentlich wollte ich „irgendwas mit Medien“ studieren. Die Aussicht in einem Vollzeitstudium kein Geld zu haben, fand ich allerdings weniger cool. Also habe ich mich, durch meine Banklehre mit dem dualen Ausbildungssystem vertraut, für ein duales Studium beworben. Schließlich hatte ich einen Platz für ein duales Studium zum Bachelor of Science in Wirtschaftsinformatik sicher. Das war jetzt weniger etwas mit Medien, aber trotzdem spannend. Also studierte ich drei Jahre an der DHBW Mannheim Wirtschaftsinformatik und arbeitete in den Praxisphasen bei einem IT Dienstleister in Frankfurt. Ich konnte die Arbeit in einem großen Unternehmen kennenlernen: Mit Dienstreisen, Workshops, Workflows, Changeprozessen und allem Drum und Dran. Das war sehr interessant! Das Unternehmen wollte mich nach den drei Jahren auch gerne übernehmen, aber ich wollte nicht. Weiterhin zog es mich eher in den Medienbereich.

Letzte Hürde Masterstudium

Nach meinem Bachelorstudium nahm ich daher meine zweite richtige Tätigkeit als Projektmanager in einer Webagentur auf. Endlich etwas mit Medien! Gleichzeitig stand auch die Frage im Raum, ob ich einen Master machen möchte. Da ein Vollzeitstudium aufgrund meines Jobs keine Option war, entschied ich mich für einen berufsbegleitenden Master. In reduzierte meinen Job auf 80% und studierte an der Leipzig School of Media in der Fachrichtung „Corporate Media“. Mittlerweile bin ich fast fertig – ich muss nur noch meine Masterarbeit schreiben.

Und jetzt? Gerade habe ich meinen Job in der Webagentur gekündigt. Irgendwie brauch ich wieder etwas Neues. Meinen Master habe ich bald in der Tasche und damit will ich ja auch etwas anfangen. Deswegen passt ein neuer Job ganz gut. Ab nächster Woche arbeite ich als Media Marketing Manager in einem Medizinunternehmen – bin gespannt was mich erwartet.

Danke zweiter Bildungsweg!

Mein Bildungsweg verlief bisher folgendermaßen: Ich bin 26 Jahre alt und habe eine Ausbildung als Bankkaufmann, einen Bachelor in Wirtschaftsinformatik und in wenigen Monaten meinen Master in Corporate Media. Wenn ich zurückschaue, bin ich mittlerweile schon seit fast 8 Jahren mehr oder weniger durchgehend am Arbeiten. Meine Freunde haben jetzt auch ihre Masterabschlüsse, machen Praktika, sind Trainees oder Volontäre oder machen ihr Referendariat. Ihr Lebenslauf ist viel gradliniger als meiner. Mit ihrem ersten Bildungsweg sind sie immer geradeaus gefahren und ich habe mit meinem zweiten ein paar Kurven mitgenommen. Beide Wege sind gut.

Zweiter Bildungsweg – das hat perfekt zu mir gepasst. Die Möglichkeit, mein Fachabi in einem Jahr nachzuholen, war der Schlüssel für meine berufliche Laufbahn. Danke dafür. Zweiter Bildungsweg: Ein Hoch auf dich! Auf dass dich noch viele Menschen beschreiten.

Samuel Kuhn

Samuel Kuhn

Samuel Kuhn studierte Wirtschaftsinformatik und Corporate Media. Er begeistert sich für Webdesign, Marketingstrategien und Communityaufbau - nebenberuflich hat er seine Webagentur qn-concept gegründet. Als Instagram Nutzer der ersten Stunde hat er sich mit diesem Thema auch in seiner Masterarbeit beschäftigt und „Instagram Stories als Corporate Media“ untersucht.

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