Streitfall Krankheit: Wann dürfen Chefs kündigen?

Sind Mitarbeiter lange oder immer wieder mal krank, sind Arbeitgeber oft „not amused“, da sie diese Ausfälle auffangen müssen. Mitarbeiter sollten sich aber nicht zu sicher fühlen, denn es ist ein Mythos, dass eine Krankheit Beschäftigte vor Kündigungen im Krankheitsfall schützen. Der erste Teil der Serie von unserer Gastautorin Sabine Hockling

Können Mitarbeiter ihren Job verlieren, wenn sie ständig krank sind?

Ist ein Mitarbeiter nicht mehr in der Lage, seine Arbeitsleistung zu erfüllen, können Arbeitgeber personenbedingt kündigen. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Mitarbeiter aufgrund einer Krankheit nicht mehr arbeitsfähig ist, seine Leistung stark gesunken ist oder seine Qualifikation verloren gegangen ist.

Wichtig: Für personenbedingte Kündigungen sind die gesetzlichen Anforderungen sehr hoch. Der Arbeitgeber ist daher gut beraten, vor Ausspruch der Kündigung ein betriebliches Eingliederungsmanagement durchzuführen

So muss unter anderem auch eine negative Zukunftsprognose vorliegen. Das ist beispielsweise der Fall, wenn ein alkoholabhängiger Arbeitnehmer bereits in der Vergangenheit keine ausreichende Arbeitsleistung erbrachte – und für die Zukunft auch keine Besserung in Sicht ist. Wenn der Mitarbeiter zu einer unzumutbaren betrieblichen oder wirtschaftlichen Belastung bzw. Störung der betrieblichen Arbeitsabläufe auch für die Zukunft wird, darf der Arbeitgeber personenbedingt kündigen.

Mitarbeiter, die mehr als sechs Wochen im Jahr krank sind, verursachen immer wieder enorme Lohnfortzahlungskosten und beeinträchtigen das betriebliche Interesse des Arbeitgebers. Arbeitgeber müssen daher abwägen, ob solche Mitarbeiter für das Unternehmen wirtschaftlich tragbar sind.

Wichtig: Ein Leistungsabfall von Mitarbeitern ist sowohl im Alter als auch durch persönliche Krisen hinzunehmen. Lediglich ein längerer Leistungsabfall, der zur Belastung für Unternehmen wird, muss von Arbeitgebern nicht akzeptiert werden.

Möchte ein Arbeitgeber auf Nummer sicher gehen, kann er die Krankenkasse informieren, die dann den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) beauftragt, den Mitarbeiter zu untersuchen. Der MDK wird dann die Arbeitsunfähigkeit des Mitarbeiters prüfen. Auf ihre Intimsphäre können Mitarbeiter sich hier nicht berufen.

Befürchtet ein Arbeitgeber bei häufigen Attests eine Gefälligkeit eines Mediziners, darf er diese Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen in Zweifel ziehen und ebenso den MDK einschalten.

Dürfen Arbeitgeber kündigen, wenn eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung fehlt?

Erkrankt ein Mitarbeiter, muss er seinen Arbeitgeber sofort darüber informieren – auch über die voraussichtliche Dauer seiner Erkrankung. Das Entgeltfortzahlungsgesetz verpflichtet Arbeitnehmer dazu.

Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vom Arzt verlangen die meisten Arbeitgeber ab dem vierten Tag der Arbeitsunfähigkeit. Allerdings dürfen Arbeitgeber die auch deutlich früher – zum Beispiel bereits am ersten Tag der Arbeitsunfähigkeit – verlangen.

Tipp: Ein Blick in den Arbeitsvertrag lohnt sich, denn dort müssen Arbeitgeber aufführen, ab wann sie eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung von ihren Mitarbeitern erwarten.

Wer sich nicht an die vom Arbeitgeber vorgeschriebene Frist hält, verstößt gegen seinen Arbeitsvertrag und muss arbeitsrechtliche Sanktionen wie eine Abmahnung und im Wiederholungsfall die Kündigung fürchten – wie ein Urteil des Landesarbeitsgerichts Rheinland-Pfalz zeigt (Az.: 10 Sa 593/11).

Mehr lesen: „Was Chefs nicht dürfen – und was doch“ von Sabine Hockling und Ulf Weigelt.

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Sabine Hockling

Sabine Hockling

Sabine Hockling hat sich nach Stationen bei DIE WOCHE, stern.de sowie dem Axel Springer Verlag 2008 mit „Die Ratgeber“ selbstständig gemacht. Neben Karrierethemen sind arbeitsrechtliche Fragestellungen ein Schwerpunkt ihrer Arbeit. Gemeinsam mit Tina Groll bloggt sie unter „die Chefin – der Blog für Führungsfrauen“ über Frauen und Karriere. Als Sachbuchautorin hat sie diverse Ratgeber zu den Themen Burnout, Nebenjob und Arbeitsrecht veröffentlicht.

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