Jobwechsel: Erst lernen, dann gestalten

Du hast gerade den Job gewechselt und brennst vor Eifer, alles Eingeschliffene in deiner neuen Firma umzukrempeln und den Aufgaben sogleich deinen eigenen Stempel aufzudrücken? Karrierecoach Frank Rechsteiner rät: Halte dich besser erst einmal zurück und verlege dich darauf, deinen neuen Kolleginnen und Kollegen zuzuhören und ihr Verhalten genau zu studieren!

Endlich hast du den Jobwechsel geschafft und eine neue Stelle gefunden, die dir jede Menge Gestaltungsspielraum und Aufstiegsmöglichkeiten verspricht. Deine Euphorie über den Neuanfang ist so groß, dass du sofort loslegen und die gesamte Arbeitsumgebung auf einen Schlag revolutionieren möchtest. Doch Vorsicht: Du machst einen radikalen Fehler. Neueinsteiger, die ihren Arbeitsbereich im Handstreich übernehmen wollen, kommen bei ihren Kollegen und Chefs erfahrungsgemäß nicht gut an. Denn warum sollten sich diese unbesehen deinen Vorstellungen beugen, wenn sie doch schon viel länger in der Firma sind. Und es durchaus gute Gründe für sie gibt, warum die Dinge gerade so laufen, wie sie laufen?

Gespür für den richtigen Zeitpunkt

Natürlich ist deine Haltung verständlich. Schließlich warst du in deinen vorangegangenen Jobs so erfolgreich, dass man gerade dir diese neue attraktive Stelle angeboten hat – unter zahlreichen anderen hochqualifizierten Bewerbern. Und schließlich waren es gerade deine Macher-Fähigkeiten, die dafür den Ausschlag gaben. Du kannst andere Menschen mobilisieren und für deine Ideen begeistern, weil du schnell die Gesetzmäßigkeiten durchschaust, nach denen sie handeln. Gleichzeitig besitzt du das Gespür dafür zu erkennen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um neue Vorstellungen auf den Weg zu bringen. Genau diese Intuition solltest du dir nach dem Jobwechel an deiner neuen Stelle zunutze machen. Denn sie bewahrt dich davor, Altbewährtes allzu schnell über Bord werfen zu wollen.

Kurz nach dem Jobwechsel: Nimm dich zurück!

Seien wir mal ehrlich: Du selbst bist durch die Erfahrungen geprägt, die du bei deinen früheren Jobs gemacht hast. Du hast die Mechanismen intus, die dich dort befähigt haben, Vorgesetzte und Kollegen auf deine Ziele einzuschwören. Mögen diese Strategien auch in deiner neuen Firma noch so erfolgverheißend sein: Finde zuerst heraus, welche Voraussetzungen du brauchst, um sie auch hier gewinnbringend einsetzen zu können. Das heißt konkret: Auch wenn es dir gehörig gegen den Strich gehen sollte – nimm dich in der ersten Zeit zurück. Beobachte, wie‘s bei deinem neuen Arbeitgeber so läuft.

Zuerst Arbeitsumfeld kennenlernen

Welche Kolleginnen und Kollegen sind „Influencer“? Welche haben aufgrund ihrer starken Präsenz und ihres hohen Ansehens bei internen Entscheidungen ein gewichtiges Wörtchen mitzureden? Und wer gehört eher zu den „Förderern“, die es vorziehen, andere Ideen und Initiativen zu unterstützen? Wie verlaufen überhaupt die Entscheidungswege im neuen Unternehmen, welche Hierarchien haben sich in der Vergangenheit etabliert? Erst wenn du Fragen wie diese ausreichend beantworten kannst, bist du reif, deine dir zugedachte Rolle im Unternehmen auszufüllen. Und dann auch dein neues Arbeitsumfeld aktiv zu gestalten. Denn die Erfahrung zeigt: Macher-Talent allein ist noch keine Erfolgsgarantie. Nur wer die in der Firma vorhandenen Strukturen und Einstellungen kennt, findet die Stellschrauben, um sie im Sinne seines neuen Arbeitgebers zu optimieren.

Frank Rechsteiner

Frank Rechsteiner

Frank Rechsteiner ist Inhaber der Hype Group, die auf Executive - Recruiting und Strategieberatung für IT-Unternehmen spezialisiert ist. Zuvor hatte er langjährige Führungspositionen bei internationalen IT-Anbietern inne. Mit regelmäßigen Umfragen und Studien ermittelt er Trends im IT-Arbeits- und -Bewerbermarkt. Als Autor schreibt Frank Rechsteiner für den Springer Gabler Verlag Fachbücher, unter anderem zum Thema „Kulturbasiertes IT-Recruiting“.

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