Aufgeregt? Wie du trotz Lampenfieber entspannt auftrittst.

Das menschliche Gehirn ist eine großartige Sache. Es funktioniert vom Moment der Geburt an – bis zum Zeitpunkt, wo du aufstehst eine Rede zu halten. (Marc Twain)

Findest du dich in diesem Zitat wieder? Dann gehörst du zu den Menschen, die schon mal Lampenfieber verspürt haben, vielleicht so deutlich, dass es dein Gehirn außer Funktion gesetzt hat. Lampenfieber kann in ganz unterschiedlichen Situationen auftreten. Sei es bei der Geburtstagsrede vor versammelter Verwandtschaft, der Führerscheinprüfung oder bei dem ersten Vortrag. Manchmal auch noch vor dem zehnten Vortrag. Die meisten Menschen fragen sich dann: „Was kann ich gegen mein Lampenfieber tun?“ Gegenfrage: „Warum willst du etwas dagegen tun?“

Lampenfieber ist gut!

Grundsätzlich ist Lampenfieber nämlich tatsächlich sehr hilfreich und notwendig – gut dosiert wohl gemerkt. Ohne Lampenfieber sind wir bei einem „Auftritt vor Publikum“ nicht gut. Auch gestandene Medienprofis und Moderatoren haben Lampenfieber. Natürlich weniger, je länger sie ein Format moderieren oder je häufiger sie mit Medien zu tun haben. Aber ein gewisses Maß an Lampenfieber haben alle. Und das ist auch gut so. Denn Lampenfieber hilft, die nötige Aufmerksamkeit und Konzentration zu haben und den Körper in „Alarmbereitschaft“ zu versetzen. Und das wiederum spiegelt sich in der Energie und Ausstrahlung des Auftritts wider.

Ein Relikt aus alten Zeiten

Die Symptome sind vielfältig: Der Mund wird trocken, die Hände feucht. Der Atem beschleunigt sich. Manche Redner oder Interviewte bekommen hektische Flecken am Hals oder im Gesicht. Warum eigentlich reagieren wir so auf Situationen, die uns herausfordern und manchmal einfach auch fremd sind?

Ein kleiner Blick in die Evolution hilft, Anspannung und Nervosität als etwas sehr Hilfreiches und (früher zumindest) sogar Lebensrettendes zu verstehen: Unsere Vorfahren in der Steinzeit standen unter großer Anspannung, wenn sie sich zum Beispiel einer unbekannten Höhle näherten. Oder einem Gebüsch, aus dem sie ein Geräusch hörten. Sie waren innerlich vorbereitet auf den Angriff eines Säbelzahntigers oder eines Mammuts. Adrenalin floss in diesen Momenten durch alle Zellen des Körpers. Bein- sowie Armmuskulatur wurden besonders durchblutet. Sie waren damit zum Kämpfen gerüstet – oder auch zum Flüchten, je nach Größe des Gegenübers. Denn Muskeln brauchen Adrenalin als „Treibstoff“.

Es wird warm und wir beginnen zu schwitzen. Dafür sind die Finger und die Zehen eiskalt. Sie werden nicht mehr so stark durchblutet, denn sie sind für den Kampf oder die Flucht weniger relevant. Und auch das Gehirn ist jetzt nicht mehr darauf eingestellt, komplexe Zusammenhänge herzuleiten oder Langzeitwissen abzurufen. Das Gehirn ist nur auf die Gefahr fokussiert und auf Denkprozesse, die dem Überleben dienen. Magen und Darm dagegen stellten vorübergehend ihre Tätigkeit ein, denn für einen Angriff oder eine Flucht wurden sie nicht gebraucht. An Essen war da nicht zu denken.

Nervosität vor dem Auftritt – ja bitte!!

Dieses Phänomen kennen wir heute noch: Lampenfieber und Aufregung verschlagen uns den Appetit, im Magen stellt sich ein flaues Gefühl ein. Adrenalin wird nicht abgebaut wie früher, als wir das Mammut entweder im Kampf besiegten – oder durch weglaufen (und somit Bewegung) ebenfalls Adrenalin abbauen konnten. Insgesamt sind wir unruhig, schlafen schlecht, machen uns vielerlei Gedanken. Und eins ist klar: Ganz abstellen können wir die Nervosität nicht, höchstens durch Routine mildern. Aber vor allem können wir lernen, mit ihr zu leben und sie als etwas Sinnvolles zu akzeptieren.

Denn wer einem Vortrag oder einem Auftritt „entgegenfiebert“, der wird sich entsprechend vorbereiten. Der wird aktuelle Fakten und Entwicklungen zum Thema verinnerlichen, seine eigenen Aufzeichnungen noch mal durchgehen, Argumente pro und contra abwägen, gründlich recherchieren. Nervosität in diesem Fall also: ein Ansporn zur gründlichen Vorbereitung!

Ist der Zeitpunkt für den Auftritt gekommen, führt Nervosität – positiv betrachtet – dazu, dass wir auf den Punkt konzentriert sind. Wir haben keine Lust, über Urlaubserlebnisse zu sprechen. Wollen eher nicht die Anekdoten anderer hören. Sondern in erster Linie ist das anstehende Interview oder der Auftritt wichtig. Alles andere kann warten.

Für das Publikum ist übrigens oft nur ein Bruchteil der eigenen, gefühlten Nervosität sichtbar – auch das ist also kein Grund zur Sorge!

Die Nerven im Griff behalten

Was aber kannst du tun, um vom Lampenfieber nicht gelähmt zu werden – zum Beispiel durch den sprichwörtlichen „Pudding in den Beinen“, wenn sich Adrenalin stressbedingt im Körper staut, die Muskeln also übervoll davon sind? Der erste Tipp heißt: bewegen. Die Treppe nehmen, nicht den Aufzug. Im Sitzen: Beinmuskulatur im Wechsel anspannen und entspannen. Fäuste ballen und entspannen. Das reduziert das Adrenalin spürbar.

Dann ist natürlich die positive Einstellung gegenüber der Nervosität wichtig – siehe oben. Wir sollten akzeptieren, dass sie nun mal vor Auftritten dazugehört. Auch Schauspieler mit jahrzehntelanger Bühnenerfahrung berichten davon, dass sie immer noch Lampenfieber haben – und dass dieses Lampenfieber sie zu Höchstleistungen antreibt.

Tipp – den gelungenen Auftritt vorweg nehmen

Wenn das Adrenalin kreist, stell dir schon einmal vor, wie du dich NACH dem Auftritt fühlen wirst. Wenn die Anspannung abfällt und es (ganz sicher!) alles gutgegangen ist. Antizipiere also die Entspannung. Du wirst sehen, das fühlt sich gut an!

Und wenn die Stimme versagt oder zu zittern beginnt, ist das einfachste Mittel, etwas mehr Druck in die Stimme zu geben, also einfach etwas lauter zu sprechen. Im Folgenden sind einige praktische Übungen, die helfen, Adrenalin abzubauen:

  • Bewusst lockeren Schrittes durch den Raum gehen
  • Auf der Stelle wippen oder hüpfen
  • Zügig eine Treppe hinauf- und hinuntersteigen
  • Für wenige Sekunden den Körper anspannen, so dass er fest wie ein Brett wird, dann die Spannung wieder lösen
  • Die Hände so fest wie möglich zu Fäusten ballen, ein paar Sekunden halten und dann langsam wieder öffnen

Außerdem hilft vielen die Erkenntnis, dass sie ja zu ihren eigenen Themen befragt werden oder sprechen. Ein Mediziner wird nicht zum neuen Raumfahrt-Programm der NASA befragt; der Chef eines Maschinenbau-Unternehmens nicht zum Thema Herzchirurgie. Ganz wichtig: Du bist EXPERTE auf dem Gebiet, zu dem du sprichst. Du kannst das. Es sind deine Themen. Alles wird gut.

Weitere Tipps, wie du dich auf einen Vortrag oder Auftritt optimal vorbereitest, findest du hier: Workbook Medientraining

Katrin Prüfig

Katrin Prüfig

Dr. Katrin Prüfig arbeitet seit 2002 als Kommunikations- und Medientrainerin – und das in drei Sprachen: Deutsch, Englisch und Französisch. In ihre Trainings fließt die Erfahrung aus fast drei Jahrzehnten als Journalistin, Reporterin und TV-Moderatorin ein (Tagesschau, Tagesschau24, Plusminus, Made in Germany). Sie moderiert hochkarätige Veranstaltungen und Kongresse im Auftrag von Bundesministerien und Unternehmen. Darüber hinaus lehrt sie TV-Journalismus an der University of Applied Science Europe (UE) in Hamburg. Durch ihre Ausbildung an der Henri-Nannen-Journalistenschule sowie die Tätigkeit in verschiedenen Redaktionen (TV, Radio und Print) hat Katrin Prüfig einen fundierten Einblick in die Medienwelt und die Anforderungen an moderne Unternehmenskommunikation.

Send this to a friend