Gemeinschaft

Gemeinschaft stärken: So können wir digitale Zukunft gestalten

Der Trend zur Individualisierung ist in unserer modernen Gesellschaft unverkennbar. Das Ich kommt zuerst, die Gemeinschaft als orientierungsgebende Institution verliert an Gewicht. Eine Gesellschaft von Einzelkämpfern neigt jedoch zu Mutlosigkeit und Resignation. In seinem Gastbeitrag beschreibt Leonhard Zintl wie man den Veränderungen von Digitalisierung und Globalisierung optimistisch begegnet und gemeinsam etwas auf die Beine stellen kann.

Die Soziologen sprechen von Enttraditionalisierung. Ich möchte es lieber konkret formulieren: Die Bindungen der Menschen untereinander und das Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft leiden.

Das zeigt sich z.B. konkret an den Problemen der Freiwilligen Feuerwehren, Mitglieder zu finden, und an verwaisten Vereinsheimen. Fitness-Studios verzeichnen dagegen stetigen Mitgliederzuwachs, und es scheint attraktiver, die teuren Beiträge der Studios zu bezahlen, anstatt sich zu verpflichten. Der Mitgliedsbeitrag im örtlichen Sportverein ist deutlich günstiger. Er schließt aber die Erwartung mit ein, dass sich jeder bei den anfallenden Arbeiten im Verein beteiligt: also einen Beitrag leistet, der nicht ausschließlich dem eigenen Wohl, sondern auch dem der Gemeinschaft zugutekommt.

Sind die Zeiten wirklich nur schwierig?

Ich glaube, dass dieser Trend zur Individualisierung dazu beigetragen hat, dass die Zeiten als schwierig gelten, dass unsere Zukunft nur noch irgendwo weit weg oder weit oben gestaltet wird, dass wir machtlos den Entwicklungen zusehen müssen.

Der Zusammenhang ist so: Fokussiert sich der Mensch nur noch auf sich als Einzelperson, dann stellt er sich gefühlt auch den Herausforderungen der Zeit ganz allein. Schließlich ist er nicht mehr mit der großen Gemeinschaft verbunden, er muss und will seine Probleme ohne die anderen lösen. Für einen allein sind aber nun mal viele Dinge schwerer oder gar nicht zu lösen als für mehrere zusammen.

Deshalb kommt dem Vereinzelten ein Problem schneller groß und übermächtig vor. Er sieht nichts anderes mehr. Er kommt deshalb verständlicherweise zu der Einschätzung: „Die Zeiten sind schwierig, sie bestehen nur aus Problemen. Und wenn ein anderer eine Lösung präsentiert, muss ich ihm gleich mal den Pferdefuß klarmachen, in dem ich ‚Ja, aber’ sage.“

Ungenutztes Potenzial der Gemeinschaft

Trotzdem sehe ich in diesem Land viel wirtschaftliches und gesellschaftliches Potenzial, das ungenutzt bleibt. Ich sehe so viele Möglichkeiten, die nicht ergriffen werden. Ich sehe so viele großartige Menschen, die weit mehr können, als sie sich heute zutrauen.

Deshalb bin ich überzeugt, dass gerade in diesen Zeiten 100.000 Wirtschaftswunder in Deutschland möglich sind. Denn wir leben in einem nie gekannten Wohlstand. Dabei geht es bei Weitem nicht nur um den materiellen Reichtum. Es geht auch und vor allem um den inneren Reichtum in dieser Gesellschaft, um die Vielfalt der Traditionen und die Erneuerungskraft, die in uns steckt. Dies alles ist es wert, dass wir uns für den Erhalt einsetzen.

Und das gilt auch und besonders für unsere Gesellschaftsform, in der jeder Chancen bekommt und sie nutzen kann. Sie ist ein Erfolgsmodell, für das sich nach wie vor die meisten Deutschen begeistern können.

Gemeinschaft schafft Wunder

Worum es mir geht, sind die möglichen Wunder. Denn die Zeiten sind wunderbar und der Boden bereitet für 100.000 Wirtschaftswunder.

Das heißt nicht, dass ich die wirtschaftlichen Veränderungen und ihre Folgen ignoriere. Auch ich sehe, dass alte Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren und ganze Märkte wegbrechen. Als Bankvorstand erlebe ich selbst, dass wir keine verlässlichen Informationen mehr haben, was uns morgen auf unserem Wirtschaftsfeld erwartet. Unsere Erfahrungswerte und Analyseinstrumente von früher helfen uns nicht mehr weiter. Wir wissen, dass das Maß an Risikovermeidung und Sicherheit, in der sich die deutsche Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten wiegen konnte, nicht mehr möglich ist.

Doch ich sehe gleichzeitig, dass diese Entwicklung auch eine andere Seite hat. Denn jede Medaille hat zwei Seiten, so auch diese.

Abschied vom Alten

Ganz grundsätzlich gilt: Bei jeder Veränderung, die uns begegnet, müssen wir uns von etwas Altem verabschieden. Das Alte war Teil unseres Lebens, unseres Bildes von der Welt. Wenn es wegfällt, hinterlässt es eine Lücke.

Ich verstehe, wenn jemand das als schmerzlich empfindet, denn schließlich war er daran gewöhnt. Es ist nur schade, dass in diesem „Abschiedsschmerz“ leicht untergeht, dass gleichzeitig etwas Wunderbares passiert. Mit der Veränderung tut sich Raum für etwas Neues auf. In diesem Raum ist zunächst buchstäblich nichts.

Das Neue ist ja noch nicht da. Deshalb ist das, was entsteht, tatsächlich ein Freiraum im Jetzt.

Freiheit für Neues

Es gibt keine Beschränkung der Freiheit in diesem Freiraum, hier ist Platz für alles, was denkbar ist. Solche Freiräume entstehen tatsächlich nur im Zuge von Veränderungen. Solange alles beim Alten bleibt, ist kein Platz für Neuerungen. Bevor die Computer in der Breite so leistungsfähig geworden sind, wie sie es heute sind, war kein Freiraum für Entwicklung von Robotik und Blockchain.

Je mehr Veränderungen geschehen, desto mehr Freiräume für die eigene Gestaltung eröffnen sich. Wer gestalten möchte, für den ist diese Vorstellung wunderbar. Hat er doch alle Freiheit, diese leeren Räume nach seinen Bedürfnissen zu füllen.

Und nicht nur die Zahl der Freiräume ist über die letzten Jahre exponentiell gestiegen. Die Entwicklung hat noch etwas anderes in Gang gesetzt: Die Möglichkeiten des Einzelnen, sich an deren Gestaltung zu beteiligen, sind ebenso gewachsen. Heute stehen so vielen Menschen wie noch nie die nötigen Voraussetzungen zur Verfügung, positive Entwicklungen anzustoßen.

Nutzen wir diese Optionen, um konkret Einfluss zu nehmen und im eigenen Umfeld in Gemeinschaft etwas Wunderbares zu schaffen!

Literaturtipp

Gemeinschaft

Wie das konkret funktioniert und warum dieses Land eine großartige Zukunft haben kann, beschreibe ich in meinem Buch „Zukunft Einfach Machen“. Darin zeige ich viele Beispiel von Menschen, die anpacken und etwas schaffen, und wie man im digitalen Zeitalter selbst Zukunft gestalten kann.

Leonhard Zintl

Leonhard Zintl

Leonhard Zintl ist dreifacher Familienvater, gefragter Referent, erfolgreicher Bankvorstand und u.a. auch Aufsichtsratsvorsitzender einer AG am Hochschulstandort Mittweida, einer 15.000-Einwohnerstadt in Mittelsachsen. Mit Partnern und Gleichgesinnten aus der Region hat er zahlreiche Projekte ins Leben gerufen, darunter ein Kompetenzzentrum für Blockchain-Technologie und eine internationale Konferenz zur Gestaltung der digitalen Moderne.

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