Die ersten hundert Tage: Ein gelungener Start beim Berufseinstieg bzw. beim Berufswechsel

Erfolg oder Misserfolg entscheiden sich vor allem am Anfang einer neuen Stelle: dies gilt für Berufseinsteiger, für einen Wechsel in ein anderes Unternehmen und für eine Beförderung in Führungspositionen. Interessanterweise wird fast niemand darauf systematisch vorbereitet.

Von Prof. Dr. Roman Stöger

Es gibt einige Tage im Leben, die dauerhaft in Erinnerung bleiben: der Schulstart, der Hochzeitstag, Geburten – und natürlich der erste Arbeitstag. Der Berufseinstieg unterscheidet sich gegenüber vorherigen Lebensphasen deutlich: zum ersten Mal echte Verantwortung, zum ersten Mal eigenes Einkommen, zum ersten Mal Vorgesetzte, Kollegen und Kunden. Jeder Berufseinstieg ist eine Premiere und es kann auf keine Erfahrung zurückgegriffen werden. Welche sind die entscheidenden Orientierungspunkte?

Erstens – das Geschäft und das Unternehmen kennenlernen:

Schon zu Beginn sollte ein Plan gemacht werden, wie das Geschäft und das Unternehmen am besten kennengelernt werden kann. Idealerweise beginnt das beim Kunden – also dort, wo die Marktleistungen verkauft werden und eine solide Leistung erbracht werden muss. Es gibt leider immer mehr Unternehmen, wo eine steigende Anzahl von Mitarbeitern überhaupt keinen Bezug zum Kunden und zum Markt hat. Das ist gefährlich, weil solche Organisation träge, langsam und selbstbezogen werden. Die Besten zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Kontakt zum Kunden suchen und quasi mit der Kundenbrille das Unternehmen kennenlernen. Gerade am Anfang ist es wichtig, herauszubekommen, wie das Unternehmen „tickt“: Wie werden Entscheidungen getroffen? Worüber wird gesprochen, worüber nicht? Wer kann mit wem bzw. nicht? Welche Koalitionen gibt es? Wo hat das Unternehmen seine echten Stärken und wo seine Schwächen? – Vieles von dem steht nicht in den offiziellen Leitbildern, Organigrammen oder Handbüchern. Man muss es selbst und in vielen Gesprächen herausfinden.

Zweitens – mit Chefs und Kollegen zusammenarbeiten:

Relativ rasch sollte Klarheit darüber bestehen, wie die Zusammenarbeit mit dem eigenen Vorgesetzten funktioniert. Es gibt keine idealen Führungskräfte, sondern immer nur konkrete Chefs: die einen kommunizieren lieber häufig und kurz, die anderen lieber selten, dafür lang. Die einen sind eher Leser, d.h. empfänglich für alle Formen von Schriftlichkeit, die anderen sind nur mündlich adressierbar. Die einen sind gut strukturiert, die anderen eher „spontan“. Egal, wie die eigenen Vorlieben aussehen, als Mitarbeiter werde ich mich an meine Vorgesetzten anpassen müssen und nicht umgekehrt. Konkret bedeutet das: Klarheit über Aufträge, Rückmeldungen, Berichte, Aufgaben, Kompetenzen, Verantwortlichkeiten und die eigene Personalentwicklung. Bei Kollegen gilt im Prinzip dasselbe: Ich muss herausfinden, wie diese Kollegen funktionieren, wo sie ihre Stärken und Schwächen haben, was ich von ihnen lernen kann, wer eine gute Arbeitsmethodik hat usw. Zu beachten ist, dass Kollegialität nicht mit Amikalität zu verwechseln ist: Arbeitskollegen müssen nicht zwingend gute, persönliche Freunde sein. Eine vertrauensvolle, professionelle Arbeitsbeziehung genügt in den meisten Fällen.

Drittens – die eigenen Stärken herausfinden:

Die meisten Menschen kennen ihre Stärken nicht oder viel zu wenig. Meistens werden sehr allgemeine und wenig konkrete Eigenschaften genannt, wie etwa „kommunikativ“ oder „flexibel“. Spätestens beim Antritt einer neuen Stelle sollten die echten Stärken klar sein, weil das die einzige Quelle von Spitzenleistung darstellt. Wie entdeckt man die eigenen Stärken? Entgegen landläufiger Meinung ist es oft nicht die Frage „Was mache ich gerne?“, sondern „Was fällt mir leicht?“ So hat beispielsweise eine Studentin während des Studiums oft die schriftliche Dokumentation in Arbeitsgruppen übernommen und die Beiträge der Mitstudierenden perfekt organisiert. Die Stärke, die sich hier zeigt, ist: strukturieren und verschriftlichen. Genau das kann sie relativ rasch beruflich anwenden: beim Protokollieren von Sitzungen oder in der Dokumentation von Projekten. Quellen für die Identifikation von Stärken sind die bisherige Ausbildung, Ferialjobs, Engagement in Vereinen usw. Diese Stärken sind mit den Anforderungen der Stelle abzugleichen und weiterzuentwickeln. Insbesondere für Schul- und Studienabsolventen ist das herausfordernd, weil sie bislang nur mit „Ihresgleichen“ zu tun hatten: dieselbe Altersgruppe, dieselben Interessen, dasselbe Bildungsniveau… Im ersten Job ist es im Normalfall völlig anders.

Viertens – einen Beitrag zum Ganzen erbringen und etwas leisten:

Gerade als Anfänger sollte man sich nicht die Fragen stellen „Was finde ich interessant?“ oder „Was möchte ich gerne tun?“, sondern „Wie kann ich am besten zum Erfolg des Unternehmens beitragen und etwas leisten?“ Dieser Beitrag an das Ganze ist entscheidend. Es geht darum, rasch selbständig wirksam zu werden und spürbare Resultate zu bringen. Ein gutes Resultat misst sich immer daran, ob das Unternehmen nach vorne gebracht bzw. ob Kundennutzen gestiftet wird. Gerade das macht den Unterschied aus. Rechtfertigt jemand seine Position durch Ergebnisse oder ist jemand im Unternehmen nur durch Beziehungen? Ist jemand mit irgendetwas beschäftigt oder liegen am Ende des Tages brauchbare Resultate vor? Ebenso sind Karriereinteressen erst dann sinnvoll und nach außen glaubwürdig, wenn echte Ergebnisse vorhanden sind und Vertrauen aufgebaut wurde. Übrigens ist es völlig normal, wenn sich bald Frustrationserlebnisse einstellen. Diese können mit Vorgesetzten, Kollegen, Kunden, mit internen Prozessen und anderem zu tun haben. Auch hier zeigt sich, wie gut jemand mit diesen ersten – gefühlten oder tatsächlichen – Rückschlägen umgeht. Auch für die eigene Entwicklung ist es notwendig, solche Erfahrungen zu machen. Was sich hier bewährt, sind Sparringpartner, mit denen offen und ehrlich über berufliche Themen gesprochen werden kann.

Ein persönlicher Entwicklungsplan für die erste Zeit:

Ein interessantes Phänomen unserer Gesellschaft ist, dass es für die wirklich wichtigen Lebens-Themen keine Ausbildung gibt: eine funktionierende Partnerschaft, eine funktionierende Familie, ein funktionierender Lebensabend, ein funktionierendes Berufsleben, eine funktionierende Arbeitsmethodik. Für alles Mögliche werden Kurse, Zertifikate, Prüfungen verlangt, für viele wirklich entscheidende Themen ist man auf sich selbst gestellt. Dies gilt insbesondere auch für den Berufseinstieg und für Beförderungen. Erfolg oder Misserfolg entscheiden sich vor allem in den ersten hundert Tagen. Es sind an sich keine schwierigen Themen, die hier den Ausschlag geben, man sollte sich aber systematisch darauf vorbereiten und für sich selbst einen Entwicklungsplan anhand der genannten Themen aufstellen. Dann werden die ersten hundert Tage nicht nur spannend, sondern legen auch den Grundstein für Wirksamkeit und Vertrauen.

Roman Stöger hat in den letzten Jahren zahlreiche Bücher und Artikel zu den Themen Digitalisierung, Strategie, Innovation, Prozesse, Organisation, Führung und Projektmanagement verfasst. Die Publikationen sind in mehreren Auflagen erschienen und wurden mehrfach ausgezeichnet.

Prozessmanagement, Toolbox Digitalisierung, Strategieentwicklung für die Praxis, Die wirksamsten Management-Werkzeuge, Die Toolbox für Manager, Projektmanagement

 

Roman Stöger

Roman Stöger

Prof. Dr. Roman Stöger ist Professor für strategische Unternehmensführung an der FH University of Applied Science Kufstein. Zu seinen Beratungs- und Aufsichtsmandaten gehören Unternehmen aus Industrie, Banken, Handel und NPO aller Unternehmensgrößen. Mehrere Hidden Champions zählen zu seinen Referenz-Kunden. Seit 2005 ist er in Aufsichtsmandaten in mehreren internationalen Unternehmen aktiv.

Sein wichtigstes Anliegen fasst er mit dem Begriff „Resultate“ zusammen: „Wir leben in einer Welt, der es nicht an Ideen mangelt, sondern an der Umsetzung. Die grösste Herausforderung besteht darin, Menschen und Organisationen wirksam zu machen.“
 

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